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  01.10.2006
17:01:46  
Schwangerschaft & Geburt -> Zum Heulen: Babyblues ...
Zum Heulen: Babyblues ...

Die Geburt ist gut gelaufen, Mutter und Kind sind wohlauf. Die lange Zeit des Wachsens im Verborgenen und des sehnsüchtigen Wartens ist endlich vorüber - das Glück scheint perfekt! Und dennoch ... statt überschäumender Freude und seligem jungen Mutterglück machen sich mehr und mehr dunkle Gedanken und Gefühle breit und nicht selten kommt es zu einem wahren Absturz in ein bitteres Tal der Tränen.

Prof. Dr. Stefan Niesert, Gynäkologe und Vorstand des Elisabeth-Krankenhauses in Essen, weiß: "Nach der Geburt können bei Frauen unterschiedlich stark ausgeprägte psychische Störungen auftreten, die in drei Kategorien einteilbar sind. Zur ersten Gruppe gehört der so genannte Baby Blues. Dabei handelt es sich um depressive Stimmungsschwankungen, die in den ersten zehn Tagen nach der Geburt auftreten können.
Dabei handelt es sich um ein harmloses und relativ normales kurzfristiges Tief von dem etwa 50 bis 80 Prozent aller Mütter nach der Geburt betroffen sind. Die Frauen leiden häufig unter Weinattacken und plötzlich auftretender Traurigkeit, Müdigkeits- und Erschöpfungszuständen und Stimmungsschwankungen, können aber trotzdem ihren normalen alltäglichen Verpflichtungen nachgehen."
Die Gründe dieses seelisch-körperlichen Ungleichgewichtes sind vielfältig und individuell verschieden: Zum einen sind die Frauen von der Geburt noch verletzlich, mit neuen Lebensumständen konfrontiert, die oft überfordern, und leiden mitunter an schmerzendhaften Nachwirkungen von Geburtsverletzungen. Nicht immer ist es ganz leicht, Babys Bedürfnisse kennen zu lernen und ein neuer Alltag muss sich erst einspielen. Zum anderen erfolgen der Milcheinschuss und die hormonelle Umstellung im Organismus der Frau nach der Geburt.“

Auch wenn es für Partner und glückliche frischgebackene Papis jetzt besonders schwierig ist, die junge Mutter zu verstehen, helfen hier nur Verständnis und Zuwendung, um diese erste Familienkrise zu überstehen. Nach wenigen Tagen hebt sich der dunkle Schleier meist wieder und die glückseligen Muttergefühle stellen sich ein!

Wochenbettdepression
Verschlimmern sich die Beschwerden jedoch und sind auch nach etwa zwei Wochen noch nicht verschwunden sind, könnte sich eine schwerwiegendere Depression entwickelt haben. Die Wochenbettdepression (PPD - postpartale Depression) könnte dann eingetreten sein. Charakteristisch dafür ist, dass die Wochenbettdepression jederzeit, sogar noch bis zu einem Jahr nach der Geburt, auftreten kann. Sie beginnt meist schleichend, langsam und unbemerkt und geht mit einer großen Müdigkeit einher. Dazu kommt, dass die Krankheitszeichen oft ignoriert und den veränderten Lebensumständen zugeschrieben werden.
Zwangsgedanken, Reizbarkeit, Konzentrationsstörungen und das Gefühl wertlos zu sein, sind nur einige Symptome die die Frauen durch den Tag begleiten.

"Betroffene Frauen sagen häufig, es würde sich anfühlen, als ob sie den Verstand verlieren. Sie sind machtlos ihren Gefühlen und Gedanken ausgeliefert", erklärt Prof. Niesert. "Die Frauen leiden unter Zwangsgedanken, beispielsweise ihr Kind nicht oder nicht genug zu lieben. Sie haben das Gefühl der absoluten Überforderung und massive Schuldgefühle und Ängste dem Neugeborenen etwas gewollt oder ungewollt anzutun. Manche tragen sich sogar mit Suizidgedanken. Panik-Attacken wechseln sich mit völliger innerer Leere ab. Die Frauen sind lethargisch, manchmal auch überdreht."
Viele Frauen fühlen sich schuldig, schämen sich ihrer Gefühle und verschweigen ihre Sorgen und Probleme vor dem Partner und der Familie aus Angst nicht ernst genommen zu werden. Denn, häufig gilt immer noch die Meinung, dass ein Kind etwas Wunderbares ist und das "bisschen Geheule" schon wieder aufhört.

Dem ist leider nicht immer so: Während der Baby Blues tatsächlich von selbst wieder vergeht, muss die postpartale Depression unbedingt therapeutisch oder medizinisch behandelt werden! Ist die postpartale Depression erst einmal erkannt, ist es für viele Frauen schon eine große Erleichterung zu wissen, dass sie ernst genommen werden und die depressiven Zustände mit der veränderten, neuen Lebenssituation zusammenhängen. Bereits mit einer Psychotherapie haben Frauen mit einer leichten Depression sehr gute Chancen wieder gesund zu werden.
Bei mittelschweren und schweren depressiven Phasen darf aber eine Behandlung mit Psychopharmaka nicht ausgeschlossen werden. Hier verspricht eine Kombination aus Psychopharmaka und Psychotherapie die größten Erfolgschancen Immerhin jede zehnte Frau entwickelt eine solche postpartale Depression.


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Druck-Datum: 23.05.2013 13:19:50