Nun ja - ein Lichtblick! Die Schwangerschaft ging mir schon ganz schön auf die Nerven - mein Bauchumfang war in den letzten beiden Wochen um 6cm gewachsen und ich passte gerade noch in meine Hose, meine Winterschuhe brachte ich ja eh schon seit Wochen nicht mehr zu, da meine Füsse so geschwollen waren.
Nächste Untersuchung SSW 40+3: Das Fruchtwasser sieht gut aus, die Wehen sind regelmäßig alle 10 Minuten (spüre noch immer nichts davon), der Muttermund noch fest verschlossen - Ich bekomme einen Wehentee und darf wieder nach Hause.
Nächste Untersuchung SSW 40+6: Fruchtwasser sieht gut aus, Plazenta zeigt erste Verkalkungen, Wehen alle 10 Minuten (merke ein leichtes zwicken ab und zu, aber sicherlich nicht alle 10 Minuten), Muttermund noch fest verschlossen.
Nächste Untersuchung SSW 40+8: alles in Ordnung - mir geht es aber nicht mehr so gut: der Blutdruck ist etwas zu hoch und ich bin immer hundemüde und habe eine leichten Druck im Hinterkopf. Ich will einfach nicht mehr schwanger sein!
Freitag, 10.02.2006
Nächste Untersuchung SSW 40+10: Es gibt 40 cm Neuschnee. Ich fahre mit meinen Mann ins Krankenhaus. Eines nehme ich mir vor: Ich gehe heute nicht im "Doppelpack" nach Hause. Ich will einfach nicht mehr!
Wehenbelastungstest - mir gehts ganz gut - ich lese ein Buch und zwischendurch veratme ich die Wehen. Alle sind super nett zu mir. Die Hebamme richtet mir schon mal einen Wehencockteil für zu Hause her, weil so wie es aussieht, ich wieder nach Hause muss. Ich will nicht - das Teufelchen soll endlich raus !!!!!!!
Die Hebamme zeigt den Test noch mal schnell dem Arzt, der bekommt Falten auf der Stirn - kein gutes Zeichen - oder doch?
Ich darf bleiben, weil die Herztöne am Schluss nicht mehr so gut waren wie zu Beginn des Wehentestes. Mein Mann holt schon mal den Koffer aus dem Auto und ich bekomme ein Nachthemd und werde in das Geburtszimmer zurück gebracht. Ich bin so glücklich, endlich hat die Warterei ein Ende, die Geburt soll eingeleitet werden.
Am Gang treffe ich eine alte Bekannte, sie wartet schon seit gestern Nachmittag, dass die Geburt los geht. Zwischendurch veratmet sie immer wieder schön brav eine Wehe nach der anderen.
Im Geburtszimmer bekomme ich als erstes einen Einlauf (fand ich total unnötig, da ich sowieso regelmäßig und 2 mal täglich aufs Töfpchen ging). Danach bekam ich ein Scheidenzäpfen, doch irgendwie tat sich da gar nichts. Das CTG zeigte regelmäßige Wehen an, doch der Muttermund war noch immer zu. Darauf hin dehnte die Hebamme den Muttermund - das fand ich weniger gut, aber wenns helfen soll!?! Schön langsam kamen mir Zweifel, dass unser Töchterchen heute noch kommen würde. Endlich kamen ein paar Wehen, die ich auch spürte und dann - nichts mehr.
Ich schickte daraufhin meinen Mann nachhause und bekam ein Bett in einem 3er Zimmer. Meine Zimmerkolleginnen waren super freundlich und versuchten mich aufzumuntern und sagten immer wieder, dass ich keine Angst vor der Geburt haben müsse - dabei hatte ich die überhaupt nicht! Ich war hundemüde und schlief vor dem Abendessen schon ein.
Samstag, 11.02.2006
Ich werde von einem unguten Ziehen im meinem Bauch munter. Es ist 4:30 Uhr. Meine Zimmerkolleginnen sind schon fleißig am Stillen und so beginnen wir uns zu unterhalten. Da spürte ich schon wieder so ein Ziehen. Ich entschließe mich zu einer Dusche und einem kleinen Rundgang auf der Geburtenstation.
6:30 Uhr
Der Rundgang wurde dann ganz kurz, denn die Wehen wurden so heftig, dass ich gleich mal zum Kreißzimmer ging. Dort treffe ich dann den Mann von einer weiteren Freundin, die schon im Geburtszimmer auf ihn wartete. Auch meine Bekannte vom Vortag treffe ich wieder, sie ist am CTG im Untersuchungszimmer, wo auch ich nun auf die Hebamme warte.
7:15 Uhr
Mein Mann kommt endlich, auch die Hebamme hat endlich Zeit. Sie entschuldigt sich für die lange Wartezeit, aber es sei gerade nicht so einfach, denn alle 3 Geburtszimmer seien belegt und sie hatten eine länger Übergabe, da sie eigentlich gar nicht Dienst hätte. Sie war für eine Kollegin eingesprungen, die eingeschneit sei. Nach einer kurzen Untersuchung (Mumu 3cm geöffnet) schickt sie uns zum Frühstück und zum Stiegen steigen, damit die Wehen noch mehr angeregt werden.
9:00 Uhr
Die Stiegensteigerei hatte es in sich, die Wehen kommen alle 5 Minuten und sind sehr heftig. Mir reicht es schön langsam und ich möchte mich am liebsten hinlegen. Aber im liegen halte ich es nicht lange aus, der Wehenschmerz ist da kaum erträglich, also sitze ich.
10:30 Uhr
Von der Hebamme erfahre ich, dass meine beiden Leidensgenossinnen bereits entbunden haben und Muttis, Babies und auch Papies wieder wohlauf sind. Und ich - ich armes leidendes Wesen sitzte noch immer hier und habe so starke Wehen, dass ich nicht mehr alleine stehen kann. Ich kann einfach nicht mehr.
11:00 Uhr
Die Hebamme verspricht mir eine schöne entspannende Wanne, ein Schmerzmittel und dass sie bald ein Entbindungszimmer für mich hat. Der Muttermund ist jetzt 4cm geöffnet. Mein Mann versucht mich abzulenken von meinen Schmerzen, aber das bringt nichts - seine Rückenmassage steigert den Schmerz und seine Gerede bringt mich aus dem Atemrhythmus. Der Arme wird zum Schweigen verdonnert - ich glaube ich habe ihm das nicht gerade auf die nette Art gesagt.
11:15 Uhr
Bin so fertig, dass ich nur noch einen andauernden Schmerz spüre. Mein Mann erzählte mir nach der Geburt, dass ich zwischen den Wehen im Sitzen einnickte und bei den Wehen munter wurde.
11:45 Uhr
Muttermund ist 5cm geöffnet. Ich will nicht mehr. Ich kann nicht mehr. Am liebsten würde ich weinen und der Hebamme glaube ich nichts mehr.
12:00 Uhr
Ich bekomme einen Tropf angehängt. Die Welt hat ein Erbarmen mit mir. Nur leider bringt es nichts - die Schmerzen strahlen vom Bauch in die Wirbelsäule bis in meine Knie aus. Ich bekomme ein Schmerzmittel in den Tropf.
12:15 Uhr
Nach der zweiten Schmerzmittelgabe in den Tropf zeigt sich noch immer keine Wirkung.
Die Hebamme ratet mir zu einem Kreuzstich. Mir ist alles egal. Mein Mann füllt die Formulare aus und irgendwie unterschreibe ich. Eine weitere Leidensgenossen (kenne ich aus dem Geburtsvorbereitungskurs) kommt ins Untersuchungszimmer. Sie wird gleich weitergelotst ins nächste freie Geburtszimmer. Sehnsüchtig sehe ich ihr nach.
12:15 Uhr
Endlich werde ich in ein freies Geburtszimmer gebracht. Dort wartet schon der Arzt - ich bekomme einen Kreuzstich. Das tat überhaupt nicht weh - nur die kalten Hände vom Arzt waren sehr unangenehm. Herrlich keine Schmerzen mehr!!!!! Ich fühle mich wie im siebten Himmel. Glücklich sinke ich in weiche Kissen und schlafe ein.
13:00 Uhr
Mit einem Ruck bin ich munter - eine Schmerzwelle überrollt mich. Mein Mann ruft die Hebamme, diese dreht die Schmerzmittelzufuhr in die Höhe. Sie verspricht uns, sobald nebenan das Baby da ist, kommt sie gleich zu uns.
13:30 Uhr
Von nebenan hört man ein Baby schreien. Bald darauf kommt die Hebamme und darf mir gleich einmal die Schmerzmittelzufuhr erhöhen. Doch irgendwie klappt das nicht, der Arzt muss noch mal kommen. Der Muttermund ist nun 6cm offen. Am liebsten würde ich nach Hause gehen.
14:00 Uhr
Ich spüre meine Beine nicht mehr, mein Arm beginnt anzuschwellen. Die Frauenärztin kommt. Ich muss mich auf die andere Seite legen, die Schmerzmittel werden erhöht. Die Hebamme öffnet die Fruchtblase - das war verdammt unangehm, aber in Relation zu den Wehenschmerzen das kleinste Übel. Viel mehr Sorgen bereitet mir die Aussage der Hebamme: "Es wird Zeit, dass des Baby kummt, des Fruchtwasser ist schon gscheit schiach!" Sie dreht den Wehentropf in die Höhe.
14:30 Uhr
Das Köpfchen vom Baby hat sich noch immer nicht gesenkt. Ich muss aufstehen und unter Anleitung der Hebamme, gestützt durch Frauenärztin, Ehemann und Hebamme das Becken kreisen lassen (und das mit Bauchumfang von 118cm). Mir wird schlecht - ich erbreche - das Köpfchen hat sich endlich gesenkt.
15:00 Uhr
Ich bekomme Schüttelfrost - meine Zähen klappern laut. Ich habe Fieber - bekomme sofort eine Flasche Antibiotikum angehängt.
Dreht das Schmerzmittle höher!!!!!!!!!!! Ich will nicht mehr!!!!!!!!!!!!! KOMM ENDLICH RAUS!!!!!!!
15:30 Uhr
Meine Zähne klappern noch immer! Ich habe noch immer Schmerzen! Der Muttermund ist noch immer nicht verstrichen! Ich bin nur noch am Veratmen - mein Mund ist schon so trocken, dass das ganze Trinken nicht mehr hilft. Ich bekomme einen Blasenkatheder. Ist der Einlauf schon entwürdigend, und jetzt das noch!
16:00 Uhr
Klapper - klapper - klapper! Uih - der Schmerz verändert sich. Ich glaube ich muss noch mal aufs Töpfchen. Sind das die Presswehen? Die Hebamme meinte, das gibt es nicht, sie hat den Muttermund doch gerade kontrolliert, da fehle noch 1 cm. Mir ist das egel, ich will antauchen. Sie untersucht nochmals den Muttermund - rechts ist er verstrichen, links fehlt noch ca. 1 cm. Lagewechsel - bitte holt einen Kran!
16:10 Uhr
In der Seitenlage presse ich so fest ich kann. Es fühlt sich an, als ob ein ein Stoppel in mir steckt und der Druck baut sich immer mehr auf. Der Schweiß rinnt mir über die Nase.
16:20 Uhr
Es geht nichts mehr weiter, ich muss mich auf den Rücken legen. Und antauchen, und noch mal! Die Frauenärztin hilft fleißig mit. Sie drückt auf meinen Bauch. Ich bekomme keine Luft mehr und hyperventiliere! Die Hebamme:" I wü ja net gscheitln, aber des hat nix bracht!" Am liebsten würde ich sie anschreien, dass ich das auch weiß, aber mir fehlt die Luft dazu!
16:30 Uhr
Verdammt noch mal, ich will nicht mehr! Ich mache die Augen zu. Die Hebamme:"Ich siach scho ganz vü schwarze Hoar! Andauchen!" Der Kopf ist da! Die Wehen sind weg! Ich spüre, dass sich da was bewegt! Die Hebamme:"Na des derf do net wahr sein! Der Besen hat si umdraht! Jetzt steckts mit de Schultern fest!" AAAAHHHHHHHH!!!!!!!!!!! Ich könnte schreien - aber bin viel zu fertig dafür! Ich will mein Baby auf meinen Bauch liegen haben und das Ganze endlich hinter mir haben.
16:35 Uhr
Keine Wehen - ein Kopf zwischen den Beinen und ich muss die Beine ausstrecken und wieder anziehen - die Geburt entwickelt sich schön langsam zu einer Turnstunde. Mir ist schon alles egal, meine Augen halte ich geschlossen.
Endlich spüre ich ein leichtes Zippen - eine Wehe kommt und ich tauche an.
16:40 Uhr
SCHWUPP - sie ist endlich da. SCHNAPP - die Hebamme hat die Nabelschnur durchschnitten.
"Sie hat nach Luft gschnappt!"
Mein Mann und ich sind alleine - Stille.
Die Hebamme kommt und sagt uns, dass unsere kleine Tochter gerade vom Kinderarzt untersucht wird, dass sie selber atmet. Während sie redet, zieht sie an der Nabelschnur die Plazenta aus mir heraus und trägt alles weg. Mir laufen die Tränen über die Wangen, mein Mann streicht mir still über den Kopf.
Verdammt noch mal - die ganze Plackerei habe ich hinter mir und wo ist bitte mein Baby?!?
Ich kann nicht mehr aufhören zu weinen. Die Hebamme versucht mich zu trösten. Es sei ausreichend Sauerstoff im Nabelschnurblut gewesen. Ich bräuchte mir keine Sorgen zu machen.
Eine halbe Stunde nach der Geburt unserer Tochter sehen ich sie zum ersten Mal auf einem Foto - sie liegt im Inkubator und hat eine Netzhaube auf, aus der ein Schlauch führt. Juliane Rosemarie ist 53cm lang und wiegt 4150g.
Während ein kleiner Riss genäht wird, darf mein Mann Juliane auf der Kinderintensivstation besuchen. Als er zurück kommt ist er völlig überdreht und fröhlich. Er steckt mich damit richtig an - ich kann es kaum mehr erwarten, bis ich meine Tochter sehen darf.
19:45 Uhr
Ich streiche meiner kleinen Tochter mit dem Finger über ihre Arme und Beine. Sie schläft ganz friedlich. Ich will sie nicht stören.
2 Stockwerke tiefer werde ich in mein Bett gepackt und schlafe sofort ein.
Unsere Tochter Juliane Rosemarie ist nun 5 Monate alt - in dieser Zeit haben wir sehr viel schon erlebt (Infektion und 1 Woche Kinderintensivstation, Saugverwirrung, Stillen mit Stillhuterl, Spreitzhose, Bronchitis, Bauchkoliken, stundenlanges Schreien, 2 Arztwechsel, eingewachsene Zehennägel, Verdacht auf Kiss-Syndrom, 2 Zähne) und erst jetzt bin ich so weit, dass ich einen Geburtsbericht schreiben kann, ohne dass mir die Tränen kommen.
Auch weiß ich jetzt warum die Schmerzen für mich so extrem waren. Würden ja die Wehenscherzen schon ausreichend sein - oder? - nein, ich muss auch noch einen Bandscheibenvorfall während der Geburt bekommen.
Wenn mich jemand fragt, ob ich noch ein zweites Kind will, kann ich nur eines Antworten -JA!!!!!