Die Geburt meiner Tochter beginnt mit einem Fehlalarm
Vier Wochen vor dem errechneten Termin bin ich mir sicher, dass ich Fruchtwasser verliere und nichts anderes ... aber der Test im eilig aufgesuchten Rudolfinerhaus bleibt negativ. Dafür lerne ich, dass es ein Albtraum ist, sich in einem gewundenen Altbaustiegenhaus vier Stockwerke tief neben einem gähnenden Aufzugschacht hinunter tragen zu lassen, nur weil die meisten schlauen Schwangerenbücher schreiben, mit Fruchtwasserverdacht muss man unbedingt liegend transportiert werden.Drei Wochen später ist es aber dann soweit: Das Bett ist um drei Uhr morgens nass, das kann jetzt nur Fruchtwasser sein, weil von der Toilette komm ich gerade (das dauernde Aufstehen ist ja sooo lästig!). Dieses Mal rufen wir keinesfalls irgendeinen Krankentransport sondern eine Freundin, die erst einmal die Nr. 1 betreuen soll, und fahren selbst – ich so halb sitzend, halb liegend, halb aufgeregt - mit unserem Auto ins Rudolfinerhaus. Dort angekommen kriege ich die Bestätigung: Jawoll, Fruchtwasser, dableiben, auf Wehen warten. Mein Mann fährt heim und löst die Freundin ab (danke, Peci, für die spontane Bereitschaft!). Ich leg mich hin und schlafe ein Weilchen. Wenn die Wehen kommen, werd ich schon aufwachen.Nun, Wehen kommen leider keine. Aber der Arzt, der noch Zeit hat, und zwar genau bis 15:00. Dann sind 12 Stunden um, dann muss er einleiten, weil er sonst eine Infektion befürchtet. Na gut, es werden schon Wehen kommen. Ich lese in Ruhe zwei Bücher aus.In Kürze: Sie kommen NICHT. Dafür aber die Hebamme. Sie tröstet mich mit Herumgehen, einem Einlauf, allerhand Experimenten, die ich dankbar und willig annehme, aber das hilft alles nichts. Ich zitiere meinen Mann herbei, damit er an der Einleiterei teilnehmen kann. Um 15:30 wird’s losgehen.Er kommt zu spät, dafür aber mit der Nr. 1, denn die Großeltern sind erst auf dem Weg. Inzwischen hänge ich an einem Wehentropf und mir bleibt fast die Luft weg. Von Null auf hundert in drei Minuten ... das sind die Wehenabstände!!! Und ich stelle fest, dass ich dazwischen „in Ruhe“ immer dieselben drei Zeilen lese und gar nicht weiterkomme mit meinem Buch. Puh! Gut, dass meine Familie da ist, mein Mann muss meinen Rücken massieren, und zwar DIE GANZE ZEIT, sonst schimpf ich. Und mein Sohn, damals fast drei Jahre alt, erzählt mir was, und wenn eine Wehe kommt, muss er still sein – atmen, zwo, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, und er drückt mir ganz fest die Hand. Er macht das so gut, dass ich mich auch heute noch daran erinnere, wie sehr mir das geholfen hat.Nach einer Stunde kommen die Großeltern und holen die Nr. 1 ab, was ihm gar nicht gefällt, aber den Großeltern. Ich muss ihm hoch und heilig versprechen – atmen, zwo, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, dass wir gleich anrufen, wenn das Baby da ist. Im Gegensatz zu seiner Geburt hat das Handy inzwischen Einzug in unser Leben gehalten, kein Problem also. Ich - atmen, zwo, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht - verspreche das. Da ziehen sie hin, und ich atme. Noch mal - atmen, zwo, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht - das tut höllisch weh. Und die Geburt der Nr. 1 hat zehn Stunden gedauert, wenn das so weitergeht, ich hoffe auf gnädige acht Stunden, steh ich das nicht durch. Die Hebamme hat Erbarmen und dreht den Wehentropf ab. Aber inzwischen hat das Baby sich dazu durchgerungen, zur Welt kommen zu wollen, und weht munter weiter. Atmen, zwo, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht.Der Arzt kommt und schaut, wie’s geht. Ich raunze ihn ein bisschen an, weil ich den Endorphinrausch nicht mehr abwarten will, der mir die erste Entbindung schließlich erleichtert hat. Er klärt mich auf, dass die Endorphinausschüttung mit der Anzahl der Geburten rapide abnimmt, na fein, da kommt schon wieder eine Wehe, atmen, zwo, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn, elf, zwölf, jetzt raunz ich nicht, ich jammere. Seit fast zwei Stunden geht das so intensiv. Wie soll ich das noch sechs Stunden aushalten??? Wieso sechs Stunden, sagt der Arzt, der Muttermund ist verstrichen, Sie dürfen pressen. Aha, daher die neun, zehn, elf, zwölf!Ich presse, so gut ich kann, und nach dem ersten Versuch steckt das Baby schon mit dem Kopf in meinem Becken. Zweite Presswehe, gemma! Der Kopf ist draußen. Mit der dritten kriege ich die Schultern durch und sofort meine Tochter auf den Bauch. Sie ist wunderschön und wunderlieb und wunderbar und .... Wir sind ganz hin und weg und rufen sofort die Großeltern an, die gerade am Cobenzl angekommen sind, damit der Nr. 1 nicht fad wird. Nix Cobenzl.Nach zehn Minuten sind sie da, schicken die Nr. 1 zum Baby-Bewundern herein und stehen ergriffen an der Tür, bis ich sage, dass sie gerne auch bewundern kommen und von mir aus ganz Wien mitbringen dürfen.Irgendwann in der Zwischenzeit erledige ich den Rest, Plazenta raus, Nabelschnur durchschneiden (das macht mein Mann), Baby anlegen, Bindenpaket umschnallen lassen. Alles erledigt! Und dann muss ich zur Toilette, steh auf und geh einfach, und bemerke sofort den frappanten Unterschied zwischen einem routinemäßigen Dammschnitt (wie bei der Nr. 1) und keinem. Mir ist nicht schwindelig, mir tut nichts weh, ich geh einfach herum, gerade ein bisschen wackelig. Da freu ich mich sehr, dass die Betreuung dieses Mal für uns alle so gut gepasst hat!